Staat und Nation bei Brunner

18. April 2016

“Staat und Nation sind Begriffe, die sich wechselseitig fordern” schreibt Brunner in seinem Hauptwerk zur politischen Philosophie “Der Judenhaß und die Juden”. Dies wäre ein aufklärerische Position: Der Staat entsteht mit der Nation und die Nation mit dem Staat. Die Nation definiert sich als Rechtsgemeinschaft. Wer Staatsbürger ist, gehört zur Nation.
Doch andere Formulierungen Brunners legen nahe, dass es eine Nation vor dem Staat gibt und hier Reste des romantischen Begriffs der Nation weiterleben. Danach ist der Staat ein Werk der Nation. Brunner schreibt: “Die Nation schafft die Gewalt und übergibt sie und damit das Recht ihrer Anwendung gegen die Einzelnen dem Staat”. Die Nation hat ein “eigengeartetes Gemeinschaftsbewusstsein”, das zum Staat drängt.
Was ist diese Nation vor dem Staat? Eine Sprach- und Kulturgemeinschaft? Und was ist mit denen, die ihr nicht angehören, die Fremdsprachigen und Fremdkulturellen? Haben sie auch einen Platz in dem Staat, den die Nation “schafft”?
Brunner ist ein Aufklärer, der seine romantischen Restbestände nicht ganz beseitigt hat.

Gleichheit von Natur oder Gleichheit durch Recht?

12. April 2016

Einer der bekanntesten und wichtigsten Sätze Brunners zur politischen Philosophie lautet: “Das Recht soll gleich sein, weil die Menschen ungleich sind.” Der Satz ist revolutionär, weil er sich gegen eine Selbstverständlichkeit richtet, die aber keine ist: nämlich dass die Menschen von Natur angeblich gleich sind. Doch von Natur sind die Menschen in jeder Weise ungleich - der Stärkere, Geschicktere, von den Umständen Begünstigte setzt sich durch. “Gleichheit” ist kein gegebenes Faktum, sondern ist ein legitimer Anspruch, der nur nur im Kontext einer Rechtsverfassung eingelöst werden kann. Er ist (wie Freiheit) rationale, aber nicht faktische Grundlage einer Theorie des Rechts und des Staates. Erst der Staat kann Gleichheit herstellen. Wo es ihn nicht gibt, gibt es auch keine Gleichheit.

Brunner und Czernowitz

14. März 2016

Warum gerade in Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina, der größte und einflussreichste Kreis von Brunner-Anhängern entstand, ist eine der interessantesten Fragen der Brunner-Rezeption. Die Mitglieder des sogenannten “Ethischen Seminars” trugen Brunners Lehre in alle Welt, darunter so renommierte Figuren wie die Dichterin Rose Ausländer. Es war die aufgekärte jüdische Intelligenz, die sich Brunner zuwandte. Eine Reihe von ihnen setzten Gott und die Welt in Bewegung, um den “Meister” in Berlin besuchen zu können und von ihm in Lebensfragen beraten zu werden.
War es das Angebot einer Lebensphilosophie, die in säkulare Konkurrenz zum Chassidismus treten konnte? War es das Charisma jenes höchst schillernden und umstrittenen Friedrich Kettner, der das Seminar ins Leben rief, später viele Anhänger entfremdete und Spinozas und Brunners Lehre ins Esoterische verbog?
Warum Brunner in Czernowitz, des östlichsten deutschsprachigen Kulturzentrums, das Brunner selbst nie besucht hat?

Brunners “innere Gattungen”

20. Februar 2016

Brunners “innere Gattungen” haben ihre Wurzeln in Platons Ideen und in Spinozas Attributen. Brunner selbst will sie nicht als apriorisch verstehen und er lehnt auch den Gedanken ab, die inneren Gattungen seien veränderlich und Produkte einer Evolutionsgeschichte. Doch genau in dieser Weise sind sie anschlussfähig an die evolutionäre Erkenntnistheorie: als apriorisches, mit der Entwicklung des Menschen entstandenes Erkenntnisraster, das sich - im Sinne von Brunners Systematik - in seiner Relativität in die Relativität unseres gesamten “praktischen Verstandes” ohne Weiteres einpassen lässt.

Lotte Brunner

16. Februar 2016

Lotte Brunner, die Stieftochter Brunners, ist bei weitem die interessanteste Figur im Kreis um Brunner. Philosophisch hochbegabt, hatte sie als Frau kaum die Möglichkeit, sich als eigenständige Denkerin zu profilieren. Sie publizierte unter dem Pseudonym E.C.Werthenau und stellte sich ganz in den Dienst Brunners. Schärfer als andere hat sie Schwachstellen bei Brunner erkannt, z.B. beim Versuch, den Unterschied zwischen den “Geistigen” und dem “Volk” anthropologisch zu begründen oder bei Brunners vormodernem Frauenbild. Sie kritisierte aber nie offen, sondern schaltete sich vorsichtig mit Fragen ein. Sie war Anhängerin und gleichzeitg kritisches Korrektiv. Wir werden nie wissen, wie groß ihr Einfluss auf Brunners Philosophie letztlich war.

Brunner und Wittgenstein

10. Februar 2016

Brunner und Wittgenstein leben auf den ersten Blick in zwei völlig unterschiedlichen philosophischen Welten: Brunner steht ganz in der Tradition des kontinentaleuropäischen Seinsdenkens, während Wittgenstein mit seinen Logik- und Sprachanalysen die analytische Philosophie in Gang setzte. Doch liest man die letzten Seiten des Tractatus, fallen überrraschende Gemeinsamkeiten auf: Auch Wittgenstein hat es letztlich auf die mystische Erfassung eines Wirklichkeitsbereichs abgesehen, der sich nicht mehr “sagen”, sondern nur noch “zeigen” lässt. Und auch er leitet, aus einem ähnlichen lebensreformatorischen Impuls heraus wie Brunner, aus der Mystik die Ethik ab - gutes Handeln ergibt sich aus der Verwandlung des Menschen. Nicht viele haben es ernst genommen, dass der “Logiker” Wittgenstein aus dem Universitätsleben ausgestiegen ist und sich als Gärtner bei den Barmherzigen Brüdern verdingt hat.

Brauchen wir Brunners Geist?

7. Februar 2016

Brunner zeigt zu recht, dass unsere und die Weltsicht aller anderen Wesen relativ ist. Nun versucht er in seiner Fakultätenlehre, die Relativität durch ein Absolutes zu grundieren - den Geist. Diejenigen, die ihn verfehlen, stützen sich auf ein falsches Absolutes, - den Aberglauben, z.B. in der Form von Religion.
Doch brauchen wir überhaupt ein Absolutes? Warum können wir es nicht in der Relativität aushalten? Ist nicht jede Sehnsucht nach einem Absoluten Ausdruck einer religiösen Motivation, die es in der Rationalität nicht mehr aushält? In der Tat ist auch Brunners Geist nicht mehr rational erreichbar.

Der säkulare Talmudgelehrte

5. Februar 2016

Die Familientradition bestimmte Constantin Brunner zum Talmudgelehrten. Er wurde es nicht und ist es doch auf seine eigene Art immer geblieben: ein sein Leben lang dem Schriftstudium hingegebener Gelehrter, der Weltkenntnis nicht aus der Erfahrung, sondern aus dem unablässigen Studium bezieht. Und ganz in der jüdischen Rabbinertradition wurde er für seine Bekannten und Freunde auch zum Lebensberater.

Brunners Verhältnis zur Öffentlichkeit

1. Februar 2016

Brunner hat sich die meiste Zeit seines Lebens vor der Öffentlichkeit abgeschirmt und nie ein Verhältnis zu ihr gefunden. Er hat weder theoretisch noch lebenspraktisch die offene Gesellschaft der Moderne angenommen und ihre Mechanismen auch nicht genutzt. Sein Verhältnis zu ihr schwankt immer zwischen den beiden Extremen schweigender Rückzug oder überzogene Polemik.
Es bleibt eine Aufgabe, Brunner gegen seine eigene Intention zu einem Bestandteil der öffentlichen Diskussion zu machen. Nur so wird seine Philosophie Wirkung entfalten, die über die Sektenbildung hinausgeht.

Säkulare Erlösung

28. Januar 2016

Brunners Ethik wird von einem religiösen Erlösungsgedanken inspiriert, der als Idee von der Verwandlung des Menschen Eingang in eine säkulare Mystik findet. So heißt es schon bei Meister Eckehart: „Die Leute brauchten nicht soviel nachzudenken, was sie tun sollten; sie sollten vielmehr bedenken, was sie wären. Wären nun aber die Leute gut und ihre Weise, so könnten ihre Werke hell leuchten. Bist du gerecht, so sind auch deine Werke gerecht.“ Brunner folgt Eckehart: Gerechtes Tun ist unmittelbare Folge des verwandelten, erlösten Menschen.
Ob dies als Ethik reicht, ist fraglich. Um die täglichen, situationsbedingten Entscheidungen treffen zu können, braucht es eine an der Erfahrung geschulte Klugheit. Eine Klugheitstheorie gibt es bei Brunner aber nicht.