Das Problem des Egoismus bei Brunner

Der Egoismus hat bei Brunner zwei Gesichter. Einerseits ist er wertneutral die treibende Kraft unserer praktischen Lebensfürsorge. Andererseits ist er ein Quell des Bösen: die Ursache unseres Hochmuts und unserer Neigung, uns auf Kosten anderer zu profilieren.
Aufgrund dieser Zweideutigkeit des Egoismusbegriffs ist Brunner gezwungen, einen “richtigen” Egoismus (wörtlich in Von den Pflichten der Juden und den Pflichten des Staates) einzuführen, der die negativen Seiten der Einzelegoismen kanalisiert und neutralisiert. Dies ist der “Vernunftegoismus” des Staates. Der Rechtsstaat gibt der Lebensfürsorge die vernunftgemäße gesellschaftliche Organisation.
Brunner hätte sich die Zweideutigkeiten im Egoismusbegriff sparen können, wenn er Egoismus und Interesse unterschieden hätte. Die Lebensfürsorge fällt in unser natürliches Lebensinteresse, während der Egoismus damit nur partiell übereinstimmt und auch destruktiven Charakter hat. Der Staat ist auch kein Produkt des Gemeinschaftsegoismus, sondern ein Produkt eines vernünftigen Gemeinschaftsinteresses. Mit dieser Unterscheidung wäre auch Brunners Verwandtschaft mit der utilitaristischen Tradition deutlich geworden.

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