Das Problem des geistigen Denkens

Das geistige Denken ist für Anhänger Brunners Krönung und Ziel seines philosophischen Systems. Es führt, in Überwindung der wissenschaftlichen Weltsicht, zur Erfahrung der Einheit allen Seins und zur moralischen Verwandlung der Person.
Mit dem geistigen Denken verlässt Brunner den Boden der Rationalität und setzt zum transrationalen Flug an. Es handelt sich um ein säkularisiertes Relikt religiöser Erlösungsphantasien, die sich jeder kritischen Prüfung entziehen. Wie in der religiösen Erleuchtung handelt es sich um keine Erkenntnis, sondern um eine die gesamte Person und die gesamte Weltsicht formierende Neubesinnung, die sich sprachlich nicht ausdrücken lässt und damit gegenüber jeder rationalen Diskussion immun bleibt.
Das geistige Denken scheint selbst eine Form des Aberglaubens, der falschen Metaphysik zu sein, die Brunner an vielen Stellen so vehement kritisiert. Es verdeckt das, was Brunners wirkliche Leistung auf dem Gebiet der theoretischen Philosophie ist: die Ontologie der Relativität, die eine Ontologie der Bescheidenheit ist und uns klar macht, dass unsere Weltsicht immer vorläufig und begrenzt bleiben wird. Seine religiöse Vorprägung hat Brunner daran gehindert, sich hiermit zufrieden zu geben.

Eine Reaktion zu “Das Problem des geistigen Denkens”

  1. Gerda Rosenberger

    der Mensch ist eben versucht, da wo er nichts weiss, aber etwas vermutet, spekulativ vorzugehen. Da ist Brunner sicher nicht der Einzige. Zur Ehrenrettung Brunners sei gesagt, dass vielleicht in ferner Zukunft doch etwas gewusst werden kann, was uns heutigen Menschen noch verschlossen ist. Das wäre doch auch in Poppers Sinn gedacht.

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