War Brunner ein Spinozist? Anmerkung 1: Die Substanz und das “Denkende”

Brunner hat für sich in Anspruch genommen, Spinozas Philosophie im 20. Jahrhundert reformuliert zu haben. Für seine Anhänger ist seine Lehre ein “Erläuterung der ‘Ethik’ Spinozas” (M. Sterian). Muss man dem folgen?

Formal trennen die beiden Philosophen Welten: Stilistisches Vorbild Spinozas ist der mathematische Traktat, für Brunner ist es die rabbinische Predigt.
Dieser formale Unterschied ist für die Inhalte nicht ganz belanglos, wie ein Blick auf den zentralen Begriff Spinozas, nämlich Gott als “deus sive natura”, als “natura naturans” deutlich macht. Im Vergleich zu dem “Absoluten” Brunners, dem, was er “das Denkende” nennt, wird klar, dass beide eine leicht unterschiedliche Haltung zur Rationalität einnehmen.
Spinozas “Gott” ist der Schlüssel zu einer rein rationalen Welterklärung. Er hat klare, und von Spinoza immer wieder genannte Eigenschaften: Unendlichkeit, Ewigkeit, Notwendigkeit, Einzigartigkeit. Auch Spinozas “dritte Erkenntnisgattung” (tertium cognitionis genus) ist noch eine rationale Erkenntnis.
Brunners Absolutes hingegen ist einem rein rationalen Begreifen nicht mehr zugänglich und entzieht sich auch einer Beschreibung.

Spinoza zieht seinen Gott aus dem Dunkel der Transzendenz in die Klarheit der Rationalität. Brunner verbirgt sein “Denkendes” wieder hinter einem Schleier, hinter den nur eine nicht-rationale Erfahrung schauen kann.

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