Schopenhauers Teufel und Brunners Gott

Brunner wirft Schopenhauer vor, er habe das, was er als Wesen der Welt begreift, den “Willen”, nicht nur als Antwort auf das verstanden, was die Welt im Innersten zusammenhält, sondern ihn auch mit einer affektiven, moralischen Wertung versehen. In der Tat verknüpft Schopenhauer mit dem Begriff des Willens Metaphysik und Ethik. Der Wille als elementare Triebkraft des Lebens ist zugleich das Destruktive, Leiden Erzeugende. Der Wille ist Schopenhauers Name für das Böse.
Brunner hat nicht unrecht, wenn er darauf hinweist, dass das Wesen der Welt weder gut noch böse ist, sondern wertneutral. Es ist einfach da und entzieht sich unserer Bewertung.
Doch Brunner macht bei seiner Bestimmung des Absoluten, der Einheit des Seins - bei dem, was er “das Denkende” nennt - einen ähnlichen Fehler, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Er beschreibt die Einheitserfahrung mit Begriffen wie “Seligkeit”, “Heiligkeit” und “Liebe”. Das “Denkende” ist bei Brunner durchweg affektiv positiv besetzt. Auch bei ihm wird das Wesen der Welt also mit einer positiven Wertung versehen - ähnlich wie in allen religiösen und mystischen Weltanschauungen.
Schopenhauers Wille ist in die Schuhe des Teufels geschlüpft; Brunners “Denkende” steht in den Schuhen Gottes.

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