Archiv für Februar 2017

War Brunner ein Spinozist? Anmerkung 3: Kausalität

Montag, 20. Februar 2017

Für Spinoza ist Kausalität das Weltgesetz, und zwar nicht im relativen, sondern im absoluten Sinne. Die Naturordnung ist identisch mit Kausalverbindung. Gott, die Substanz, ist mit Natur identisch (Deus sive natura). Gott ist die Ursache von allem, einschließlich seiner selbst (causa sui). Hätten wir Einsicht in alle Kausalverknüpfungen, würde sich uns Gott auf rationale Weise erschließen.
Nicht so bei Brunner: Die Kausalverknüpfung gehört für ihn in den Bereich des relativen Denkens. Das Absolute bei Brunner erschließt sich für ihn nicht über Kausalität, sondern über das – die Kausalerkenntnis übersteigende – geistige Denken.

War Brunner ein Spinozist? Anmerkung 2: Die Attribute

Mittwoch, 8. Februar 2017

Was hat Brunner mit Spinozas Attributen gemacht? Er hat sie, metaphorisch gesprochen, abgerissen und auf völlig neue Weise wieder aufgebaut.

Spinozas Attribute sind keine Eigenschaften der Substanz, sondern die Form, in der die Substanz für uns erkennbar wird. Deshalb teilen die Attribute auch die Merkmale der Substanz; sie sind ewig, unendlich, notwendig usw.
Es gibt nach Spinoza unendlich viele Attribute, aber nur zwei davon sind uns zugänglich: res cogitans (Geist) und res extensa (Materie) – die beiden von Descartes als solche bezeichneten und streng getrennten Substanzen. Spinoza macht sie zu verschiedenene Erscheinungsformen der einen einzigen Substanz und kann deshalb im strengen Sinne auch weder als Idealist noch als Materialist gelten.
Brunner lässt den Unterschied zwischen res cogitans und res extensa überhaupt nicht mehr gelten, sondern hebt beide im Denken eines univeralen Bewegungszusammenhangs auf. Brunner ist eindeutig Idealist.
Er rehabilitiert die Attribute in Form der inneren Gattungen, also als Denkformen, die ihren Ursprung nicht bei Spinoza, sondern in Platons Ideenlehre haben.

War Brunner ein Spinozist? Anmerkung 1: Die Substanz und das “Denkende”

Montag, 6. Februar 2017

Brunner hat für sich in Anspruch genommen, Spinozas Philosophie im 20. Jahrhundert reformuliert zu haben. Für seine Anhänger ist seine Lehre ein “Erläuterung der ‘Ethik’ Spinozas” (M. Sterian). Muss man dem folgen?

Formal trennen die beiden Philosophen Welten: Stilistisches Vorbild Spinozas ist der mathematische Traktat, für Brunner ist es die rabbinische Predigt.
Dieser formale Unterschied ist für die Inhalte nicht ganz belanglos, wie ein Blick auf den zentralen Begriff Spinozas, nämlich Gott als “deus sive natura”, als “natura naturans” deutlich macht. Im Vergleich zu dem “Absoluten” Brunners, dem, was er “das Denkende” nennt, wird klar, dass beide eine leicht unterschiedliche Haltung zur Rationalität einnehmen.
Spinozas “Gott” ist der Schlüssel zu einer rein rationalen Welterklärung. Er hat klare, und von Spinoza immer wieder genannte Eigenschaften: Unendlichkeit, Ewigkeit, Notwendigkeit, Einzigartigkeit. Auch Spinozas “dritte Erkenntnisgattung” (tertium cognitionis genus) ist noch eine rationale Erkenntnis.
Brunners Absolutes hingegen ist einem rein rationalen Begreifen nicht mehr zugänglich und entzieht sich auch einer Beschreibung.

Spinoza zieht seinen Gott aus dem Dunkel der Transzendenz in die Klarheit der Rationalität. Brunner verbirgt sein “Denkendes” wieder hinter einem Schleier, hinter den nur eine nicht-rationale Erfahrung schauen kann.